Auf meiner Fahrt nach und von Shanghai konnte ich Yin und Yang am eigenen Leib erleben und erfahren.
Auf der Hinfahrt konnte ich nur noch eine Stehplatzkarte kaufen. Das lag zum einen daran, daß die Maiwoch von sehr vielen (und es gibt eine Menge) Chinesen genutzt wird, um selbst in Urlaub zu fahren. Zum anderen mußte ich noch auf die Polizei und ein Amt, um meine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen und abzuholen. So war es nicht sicher, ob ich Sonntag oder erst Montag fahren konnte. Es wurde Montag, der erste Ferientag und Hauptreisetag aller, die über die Ferien Nanchang verlassen wollten. Dementsprechend voll war dann auch der Zug.
Doch quoll schon der Bahnhof über. Chinesische Bahnhöfe sind fast wie Flughäfen. Rein kommt nur, wer eine Fahrkarte hat. Danach geht man in seine Wartehalle und wartet vor einem Gitter, bis man zu seinem Zug aufs Gleis darf. Über dem Gitter steht der betreffende Zug angeschrieben und kaum daß er angeschrieben steht (in meinem Falle gute anderthalb Stunden vorher) bildet sich vor dem Gitter eine Schlange. Darf man endlich zu seinem Zug aufs Gleis und hat seinen Waggon gefunden ist drängeln und schieben angesagt. Cenophobiker sind hier gut aufgehoben, doch wer kein Gedränge und keine Menschenmassen mag, sollte mit etwas anderem als der Bahn reisen. Die Reisenden drängeln und was noch viel besser ist: die Schaffner stehen an den Türen und drücken mit Gewalt die Nachfolgenden in den Zug. Die Chinesen nehmen das alles erstaunlich gelassen hin. Ich sah nur zwei junge Frauen, die sich lautstark über der Schaffner beschwerten, doch hatten sie keine Chance ihren Ärger beim Schaffner abzuladen, da der stoisch seine Arbeit tat und die beiden mit anderen Reisenden tiefer in den Zug schob. So wurde dann auch ich in den Zug befördert.
Ich war drin und die Fahrt konnte beginnen.
Mein kleiner Campinghocker, so stellte sich heraus, war beim 1 minütigen Probesitzen zwar noch bequem gewesen, doch eignete er sich nicht dazu eine Zugfahrt von 12 Stunden auf ihm auszuhalten.
So verbrachte ich die Fahrt in bedrückender Enge, stickiger Hitze und Zuglärm (ich hatte mich bei einem Druchgang zwischen zwei Waggons niedergelassen) abwechselnd stehend und dann wieder auf meinem Hocker. An Schlaf war nicht zu denken. Ich habe keine Ahnung, wie die Chinesen das machen, aber sie können in jeder Position schlafen. Stehend mit dem Kopf an der Wand, auf einer Zeitung am Boden, ja sogar mitten im Weg ohne sich daran zu stören, daß jeder über sie steigen muß.
Zwischendurch kamen Zugbegleiter mit Trolleys durch und versuchten Getränke oder Essen an den Mann zu bringen. Wasser, kalte Hühnerbeine und warme Nudeln fanden großen Anklang, weswegen der Boden bald mit leeren Plastikflaschen, Knochen und Styroporverpackungen bedeckt war.
Alles in allem war meine Hinfahrt ein wahren Yin.
Die Rückfahrt war sehr kompfortabel.
Da der Shanghaier Bahnhof den Zugang zum Gleis nach Waggongnummern staffelte und da etwas weniger Menschen am Montag nach den Ferien mit dem Zug fuhren, blieb die Drängelei am Gleis aus. Im Waggon wurde weniger geschoben, da jeder einen Platz hatte. Ich konnte schlafen und es gab sogar Behälter für Müll, die nicht nur benutzt wurden, sondern auch stündlich geleert wurden. Zur Unterhaltung der Reisenden wurde aus Lautsprechern Musik gespielt und ein freundlicher Schaffner erkundigte sich bei einem nach dem Reiseziel. (Dummerweise habe ich nicht verstanden warum; ich habe nur mitbekommen, daß er jedem Fahrgast die selbe Frage stellte und die Antwort, die offenbar ein Stadtname war, da ich auch Nanchang hörte, auf einem Klemmbrett notierte. Als die Reihe an mir war habe ich auf die Frage ganz souverän mit 'Nanchang' geantwortet und der Herr war zufrieden.)
Aber die Rückfahrt wäre noch nicht Yang gewesen, wenn man für keinen Ausgleich für die stickige Hitze der Hinfahrt gesorgt hätte. Die Klimaanlage war an und offenbar wollte jemand demonstrieren wie gut sie funktionierte. Es war kalt. Ich mußte eine Weste und meine Jacke anziehen um nicht zu frieren.
Doch sonst gab es auf und an meiner Rückfahrt nichts zu beanstanden.
Pünktlich zur morgendlichen Musik erreichte ich meine Wohnung und legte mich nach einer Dusche nochmal schlafen, bis ich um halb zwei zum Unterricht fuhr.